Schienenstrecken stellen einen wesentlichen Teil der Verkehrsinfrastruktur dar, deren Erhalt und Betrieb ist als Daseinsvorsorge eine wichtige staatliche Aufgabe.
Regionale Schienenstrecken gewährleisten einen leistungsfähigen und attraktiven öffentlichen Personenverkehr, der die Erreichbarkeit von Regionen abseits der großen Verkehrsströme auch ohne motorisierten Individualverkehr ermöglicht.
Ein bedeutender Anteil der Bevölkerung ist nicht direkt mit dem motorisierten Individualverkehr mobil. Kinder, Jugendliche, viele ältere Menschen, Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen und Menschen, die sich kein Auto leisten können, sind auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen.
Gegenwärtig findet parallel zu den Bahnstrecken ein unabgestimmter und unsystematischer Busverkehr statt, der hauptsächlich dem Schülerverkehr dient. Seit Jahren ist von der Abschaffung des Parallelverkehrs die Rede, ohne dass entsprechende Schritte unternommen wird sind. Bus und Zug nehmen sich gegenseitig Fahrgäste weg, anstatt sich zu ergänzen. Öffentlicher Nahverkehr kann nur den Verkehrbedürfnissen der heutigen Zeit entsprechen, wenn er mit einem durchdachten Konzept und einer sinnvollen Integration der verschiedenen Verkehrsmittel (Zug, Bus, Anmeldesammeltaxis) durchgeführt wird. Dem regionalen Schienenverkehr kommt dabei die Aufgabe zu, die größeren Orte zu verbinden und den Anschluss an überregionale Verbindungen zu ermöglichen. Der Bus erschließt Ortschaften, die nicht direkt an der Bahnstrecke liegen, als Zubringer zum Zug. Damit dies funktionieren kann, sind regionale Schienenstrecken notwendig. Der Busverkehr alleine ist nicht in der Lage, gleichzeitig die Feinverteilung in der Fläche zu übernehmen und Verbindungen in Mittel- und Oberzentren zu akzeptablen Fahrzeiten zu ermöglichen. Dies ist besonders wichtig in Regionen, die wichtige Einrichtungen für ein großes Einzugsgebiet (Ärzte, Krankenhäuser, Agentur für Arbeit, Kommunale Verwaltungen, Gerichte) in wenigen Orten konzentrieren, wie z.B. im Kyffhäuserkreis. Bei Umstellungen von Eisenbahnstrecken auf Busverkehr ist regelmäßig ein weiterer Fahrgastverlust zu registrieren. Es ist zu befürchten, dass im Kyffhäuserkreis dann langfristig noch weniger öffentlicher Nahverkehr angeboten wird.
In Regionen, in denen der Tourismus ein wichtiger und wachsender Wirtschaftsfaktor darstellt, ist ein durchdachtes Verkehrskonzept für die touristischen Verkehrströme notwendig. Eine einseitig auf motorisierten Individualverkehr abgestellte Verkehrsplanung vergibt Chancen auf eine deutliche Aufwertung und Attraktivitätssteigerung für Touristen. Regionen wie das Unstruttal und der Kyffhäuser sind in erster Linie für Touristen attraktiv, die „sanften Tourismus“, also Wandern, Radfahren, Kanufahrten, Naturbeobachtung bevorzugen und insbesondere Erholung und Ruhe suchen. Zu dieser Zielgruppe gehören viele ältere Menschen, die auch heute noch zu einem großen Teil öffentliche Verkehrsmittel bevorzugen oder gar darauf angewiesen sind. Diese Zielgruppe ist zahlungskräftig und nutzt Gastronomie sowie Übernachtungsmöglichkeiten intensiv. Der Fahrradtourismus ist der am stärksten wachsende Bereich bei Reisen innerhalb Deutschlands. Der gerade fertig gestellte Unstrutradweg wird immer stärker als attraktive Radroute entdeckt. Fahradtouristen schätzen die Möglichkeit, auf ihren Touren die Fahrräder abschnittsweise im Zug mitnehmen zu können; entweder um ihren Aktionsradius zu vergrößern oder um bei schlechter Witterung, eine Alternative für den Rückweg zu haben. Deshalb ist eine gute Eisenbahnanbindung ein wichtiges Kritierium bei der Auswahl der Reiseziele für Radtouristen. Damit öffentlicher Verkehr dem Tourismus dienen kann, sind jedoch als Grundbedingung ebenfalls ein durchdachtes Konzept und ein sinnvolles Verkehrsangebot (Bedienungsfrequenz, Fahrzeiten, Anschlüsse, Zugangsstellen, Fahrzeuge) notwendig. Ein hoher und wachsender Anteil motorisierter Besucher einer Region stellt dagegen eine Gefahr für die Attraktivität und Unverwechselbarkeit dieser Gegend dar. Lärm und Abgase von Autos und Motorrädern mindern den Erholungswert, neue Straßen und Parkplätze zerstören das Landschaftsbild. Dies gilt besonders für kleinräumige Landschaften, wie dem Unstrut- oder dem Wippertal (Kyffhäuserbahn). Eisenbahnstrecken und ihre Züge dagegen prägen das individuelle Erscheinungsbild einer Landschaft, gehören zum Landschaftsbild dazu und erlauben ein wesentlich intensiveres Landschaftserlebnis, als dies aus der Windschutzscheibenperspektive möglich ist.
Beispiele für gute touristische Bahnangebote stellen die Rad-Wander-Züge im oberen Donautal ("Naturpark-Express"), die "Schwäbische Alb Bahn" oder der "Taubertäler Radwanderzug" dar.
Über viele Jahre sind die Eisenbahnstrecken im Unstruttal und am Kyffhäuser von der öffentlichen Hand am Leben erhalten worden. Dazu sind mit Millionenbeträgen Züge bestellt worden. Ausgeblieben sind jedoch die notwendigen Unterhaltungsarbeitenan den Strecken. Die für die Züge bezahlten Beträge beinhalten die so genannten Trassengebühren, die an das zuständige Eisenbahninfrastrukturunternehmen (DB-Netz) vom Betreiber der Strecken (Burgenlandbahn, DB-Regio) weitergeleitet worden sind. Dafür sind jedoch keine entsprechenden Gegenleistungen erbracht worden. Die Streckenhöchstgeschwindigkeiten mussten aus Sicherheitsgründen immer weiter herabgesetzt werden, so dass schließlich schon seit Jahren kein attraktives Verkehrsangebot auf den Strecken möglich ist. Lange Fahrzeiten und fehlende Anschlüsse machen die Nutzung der Bahn für viele Menschen, trotz entsprechender Verkehrsbedürfnisse; unmöglich. Es ist vielleicht möglich, ein Ziel so gerade zu erreichen, die Rückfahrt ist dann oft nicht mehr möglich. Eine ordnungsgemäße Instandhaltung der Strecken hätte schon seit Jahren für die gezahlten Beträge einen wesentlich attraktiveren Verkehr ermöglicht. So sind z.B. auf der Kyffhäuserbahn für einen Zweistundentakt zwei Triebzüge unterwegs. Eine höhere Streckengeschwindigkeit würde mit diesem Triebfahrzeug- und Personaleinsatz einen Stundentakt erlauben. Bei einer Stilllegung der beiden Strecken würden die auch für die Streckeninstandhaltung gezahlten Steuergelder verloren sein. Die Politik hat es versäumt, die angemessene Unterhaltung der Verkehrsinfrastruktur einzufordern. Bis heute wird für eine Leistung gezahlt, die nicht vollständig erbracht wird. Wenn Schienenpersonenverkehr bestellt wird, muss auch darauf geachtet werden, dass dies so geschieht, dass er seine Aufgabe erfüllen kann.
Die sehr niedrigen Fahrgastzahlen der bedrohten Strecken sind als Folge des gegenwärtig sehr schlechten Verkehrsangebots und der fehlenden Abstimmung zwischen Zügen und Bussen zu sehen. Das Potential der Strecken ist wesentlich höher einzuschätzen. Damit öffentlicher Personenverkehr genutzt werden kann sind auch Informationen, Werbung, Service und ein gepflegter Zustand der Fahrzeuge und Anlagen notwendig. Dies alles ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt für die fraglichen Strecken, abgesehen von den modernen Triebwagen auf der Kyffhäuserbahn, nicht gegeben. Die Stilllegung mit dem Argument der hohen Kosten im Vergleich zu den gegenwärtig niedrigen Fahrgastzahlen zu begründen ist daher unzulässig.
Zukünftige Entwicklungen lassen eine steigende Bedeutung öffentlicher Verkehrsmittel erwarten. Fossile Energieträger werden knapp und damit immer teuerer. Gleichzeitig ist damit zu rechnen, dass in Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit und weniger guter finanzieller Absicherung bei Arbeitslosigkeit, viele Menschen über zu wenig Geld verfügen, um sich den Kauf und den Betrieb eines eigenen Autos leisten zu können. Auch überregional ist mit einer Renaissance des Schienenverkehrs zu rechnen, so dass die Erreichbarkeit per Schiene für die wirtschaftliche und touristische Entwicklung weiter an Wichtigkeit gewinnt. In diesem Zusammenhang ist auch die Güterverkehrsnutzung der Schiene zu berücksichtigen.
Es gibt viele positive Beispiele für einen attraktiven regionalen Schienenverkehr, z.B.:
Zum Teil sind für diese Eisenbahnprojekte stillgelegte Strecken reaktiviert worden. Auch wenn sich diese Beispiele nicht in allen Aspekten auf Unstrut-und Kyffhäuserbahn übertragen lassen, wird jedoch deutlich, dass ein durchdachtes und abgestimmtes Konzept aus stillgelegten oder stilllegungsgefährdeten Bahnstrecken das Rückgrat für den öffentlichen Personenverkehr einer Region macht.
Schienenverkehr kostet im Betrieb und in der Unterhaltung Geld. Dennoch sind diese Mittel für die öffentliche Daseinsvorsorge gut angelegt. Im Vergleich zu den Ausgaben für den Straßenbau handelt es sich dabei um relativ geringe Beträge. Gerade im Umfeld der Unstrut- und Kyffhäuserbahn wurden und werden seit der Wende bis heute hohe Beträge ins Straßennetz investiert Neue Autobahnen stehen kurz vor der Fertigstellung, allein der Schmücketunnel, also etwa 1 km Strecke, für die neue Autobahn A71 kostet 72,5 Millionen Euro. Für die Sanierung der beiden Eisenbahnstrecken sind jeweils Beträge von 10-20 Millionen Euro im Gespräch. Es kann nicht sein, dass gleichzeitig die Autobahn kommt und die Eisenbahn geht.
Wenn die Eisenbahnstrecken jetzt wegen der aktuellen Finanzlage stillgelegt werden bedeutet dies, dass das Geld, das über Jahre für den wenig sinnvollen Verkehr auf den maroden Gleisen ausgegeben worden ist, endgültig verloren geht und die Region Qualitäts- und Identitätsmerkmale verliert. Wenn aber der Schienen- und Busverkehr in Zukunft mit einem durchdachten Konzept und einer ordnungsgemäßen Unterhaltung der Anlagen durchgeführt werden kann, bedeutet dies, dass für die Menschen und die Wirtschaft der Region wertvolle Infrastruktur erhalten und aufgebaut wird.
Christof Rommel